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Eine Zeit abgetaucht

Dem Horst Auwela sein Ersuchen auf Unterstützung bei der Wohnungsreno-vierung wurde aus empfindlichen Gründen abgelehnt. Er wird wohl ein Kreuz an der falschen Stelle, ins falsche Kästchen gesetzt haben. Aus diesem Grund war ich in den letzten Wochen stark eingespannt. Der Ofen-Erich war mit seinem Kleintransporter behilflich. Viel Arbeit hat das Entfernen der mit Latexfarbe bestrichenen Rauhfaser gemacht. Latexfarbe auf ‘ner Rauhfaser, da dringt kein Wasser hinter. Die Wände beigeputzt und Tiefgrund aufgetragen. Da, wo der Horst seine Frikadellen brutzelt, haben wir eine ganz einfache Fliese verlegt, daß er die Fettspritzer leicht wegwischen kann. Wegen der Feuchtigkeit verwendeten wir eine Fungizidwandfarbe. Bis auf das Bett war aller Hausrat  in der Garage vom Ofen-Erich untergebracht. Der Horst hat auf seiner Baustelle geschlafen, das hat ihm nix ausgemacht. In der ganzen Zeit haben seine vier Gaststätten auf seine Bremsklötze verzichten müssen. Zum Schluß noch der Laminatboden, da war der Horst dann zwei Tage bei seiner Schwester.

Horst lebt wieder in würdigen Verhältnissen

Der Horst strahlt, als hätten wir eine neue Regierung, eine neue Weltordnung, wie wenn jetzt alles gut würde.

Keine doofen Menschen

Richtige Menschen, keine doofen Menschen. Beschränkte Menschen, so wie unsereiner, aber keine Blödels. Und wenn dann doch Blödels, dann halbwegs sympathische. Deshalb sind wir einfach etwas länger geblieben, in der Eppenhauser Str. Die geht seit Jahr und Tag aus der Rembergstraße hervor, von Stadtmitte vom Night Club den Berg hoch bis zur Haßleyer Straße. Das ist ein ganzes Stück. Wenn man diese Straße zu Fuß schafft, hat man am nächsten Tag Schmerzen in den Schienbeinen. Ein Grund, uns für ein paar Tage in der Jugendherberge einzuquartieren.

Eine echte Straße

In der Schillerstraße wohnen nur Doofe.

Die Eppenhauser Str., incl. der Rembergstraße, wird größtenteils bewohnt von Menschen, die gewöhnliche Gespräche führen.  Dagegen führen die Bewohner in der Schillerstraße eine ungewöhnlich dämliche Art von Unterhaltung, direkt einen Scheiß teilen sie sich mit. Deshalb bezeichnet man diese Art der Kommunikation nicht Gespräch, sondern Dialog. In der Eppenhauser Str./Rembergstr. tragen die Bewohner schlichte bis unansehnliche und nachlässige Kleidung, keiner weiß, warum. In der Schillerstraße geht es gedanklich wie auch modisch noch ärmer zu. Aber dort gehört es zum guten Ton.

In der Eppenhauser Str. gibt es den Santorini-Grill und eine Metzgerei, einen Aktiv-Markt und den Penny, eine Eisdiele, einen Damen- und Herrenfriseur, mehrere Versicherungsagenturen mit Hinweisen zur Riester-Rente oder Berufsunfähigkeitsversicherung, eine physiotherapeutische Praxis, eine Änderungsschneiderei und einen Gebrauchtwagenhändler gegenüber einer Bio-Bäckerei. In der Schillerstraße, und das bin ich so satt, 1-A-Satt, da gibt es nicht einmal eine Kalbsleberwurst und ein Dinkelbrot. In der Schillerstraße fährt noch nicht einmal ein Bus.

In der Eppenhauser Str. ist es nicht sehr lustig. In der Schillerstraße aber ist es nur traurig, das ist wahr, man glaubt’s nur nicht. Die Bewohner der Schillerstraße sind schrille Typen. Manche erlebten seltsame Abenteuer in Dschungelscamps und tun sich dennoch schwer, den rauen Charme der Eppenhauser Straße wett zu machen. Die Schillerstraße wird bevölkert von wirklichen Langweilern von Hohen Gnaden. Aufwärts von der Rembergstraße hoch in die Eppenhauser bis zur Haßleyer Str., wo der Bus wegfährt Richtung FernUniveristät, da schauen die Menschen mit einem, und manche mit zwei verkniffenen Augen aus ihren Fenstern, wenn sie denn überhaupt wollen.

Nicht in die Schillerstraße! Eppenhauser Str.!

Ausflug nach Hagen

Gestern waren wir dann in Hagen. Achim hatte mich in den Santorini-Grill in der Eppenhauser Straße eingeladen:

“Gyros komplett?”

“Komplett.”

“Mit allem?”

“Komplett mit allem.”

Die Rita hat ihm bereits zugesagt, als Achim ihr sein Halbjahreszeugnis vorgelegt hat, Durchschnitt 1,2. Dies Jahr ist Abitur. Jahrgangsbester. Anschließend  Studium der Medizin, der Mathematik und Physik, Literatur, Tanz, Sport und Unterhaltung. Dann Auszeichnung durch die Stadtteile Mülheim-Styrum, Mülheim-Dümpten und Saarn. Kapitänsmütze der Ruhrflotte und die Goldene Gabel vom Santorini-Grill in der Eppenhauser Straße. Die Rita hat sofort “JA” gesagt.

Bettina, Thomas, Hermann und Ingo

Am Samstagmorgen waren die Kinder da und haben mich zum Einkaufen abgeholt. Wir waren auf dem Markt in Oberhausen. Ich besorgte mich Äpfel, Mangos, Karotten, Zwiebeln, ein Brot und Streuselkuchen, 500gr. Blütenpollen, Eier und ein Sträußchen Blumen für die Schwiegertochter.  “Hast du was gut zu machen”, fragte sie. Dann holten wir Tina ab und besorgten den Drucker.

Am Abend machte ich mich auf zu Horst Auwela, wegen der Frikadellen und der Renovierung seiner Hütte. Ich war lange nicht mehr bei ihm gewesen und war mehr als überrascht. In seiner 25qm großen Höhle sah es aus wie bei einem Klüngelspit. Eine Hantelbank und eine Heimorgel, eine Fahrrad-Heimtrainer, eine verstaubte Gitarre, ein Trampolin, zwei PC’s, von denen keiner funktioniert, drei Bildschirme, mehrere Jahrgänge Zeitschriften und Tageszeitungen, der Hamsterkäfig mit Fridolin, sein Partner Lieutanant Stoned, ein zwitschernder Wellensittich, einige Kartons mit Geschirr und Kleidung, einige Dosen Sauerkraut, Brechbohnen, ein Sack Kartoffeln, drei Kisten Mineralwasser, zwei Kartons H-Milch – mehr weiß ich jetzt nicht.

“Horst, da läßt du dir aber jemand kommen. Da helf ich dir nicht mit. Melde dich beim Sozialamt, sie sollen Dir jemand von der ambulanten Wohnungshilfe genehmigen.”

“Kennst du da jemand, Jonny?”

“Jonny wird mal seine Fühler ausstrecken.”

“Weißt du, Jonny, das alles verleiht mir ein bißchen Sicherheit.”

Heute morgen war ich dann um sieben hoch. Zum Frühstück guck ich manchmal die Talkshow im WDR mit der Böttinger. Diese Gesellschaft, denk ich,  ist eine einzige Quasselbude. Der Comedian Thomas Hermann war da, der Ingo Appelt, die Schauspielerin Michelle Barthel und die Musikerin Miss Platnum. Die Michelle erzählte ihre verzweifelte Geschichte, die sich in einem Flugzeug abgespielt hat, wo sie einen Fensterplatz eingenommen hatte. Ein menschliches Bedürfnis, wo der Kaiser allein und zu Fuß hingeht, hat sie dann bedrückt. Aber sie traute sich zuerst nicht, das neben sie sitzende Rentnerehepaar zu unterrichten, aber dann doch, und das verständnisvolle und lebenserfahrene Rentnerpaar stand dann ohne Murren auf, wenn auch sehr umständlich, was sie baff erstaunte. Da hat der Thomas eine weitere Geschichte aus der Luftfahrt zu erzählen gewußt, wie die Rentner immer mit den Regenmänteln um sich werfen, wenn sie die Stufen zum Aeroplan erklimmen und dann die Armlehnen belegen, was dem Thomas Schwierigkeiten bei der Lektüre der SZ bereitet. Und das im Flugzeug alle Passagiere Tomatensaft trinken, er aber neuerdings auch wieder Apfelsaft. Auch er ist erstaunt und überrascht über die osteoproseccokranken, schwerfälligen und klappernden Altersknochen der Flug(r)enten.

Was soll man sagen. Unsereiner ärgert sich einen Moment, das er GEZ-Gebühr zahlt für Nix und Wiedernix. Aber ganz stimmt es auch nicht. Im Bayerischen Fernsehen, um 12 Uhr Mittag: der 2005 verstorbene Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters Marcello Viotti erzählt die Geschichte von Ravels Ma mere l’Oye. Wie süß das Leben sein kann – man möchte weinen.

Thierry De Mey – Ravel Film de danse 2001 Charleroi danses  

Alles im Grünen Bereich

Jetzt, am Abend, bin ich vom ganzen Tag enorm matt.

Tina hatte mich am Montag zum Arzt geschleppt, einem Fachmann für Seelisches. Er fragte, wie es mir geht, und ich antwortete etwas ausweichend:

“Ich bin nicht der, der ich glaube zu sein. Ich laufe im Kreis, trete auf der Stelle. Meine Träume sind eher bedrohlich.”

Ich will nicht zu viel preisgeben, weil alles andere eben unter das Geheimnis der ärztlichen Schweigepflicht fällt und eh niemand was angeht. Der Doktor testete die Reflexe, dann stand ich auf einem Bein und beugte mich einmal vornüber. Er prüfte noch die Stromversorgung der Nervenbahnen. Ich sehe sie morgen wieder, sprach er.

Tina hat für mich dann die Woche gekocht, mal Reis mit Mangold, mal Spinat mit Kartoffeln, mal Tofu mit Nudeln, einmal habe ich mich aus dem Haus geschlichen und in der Metzgerei eine Bratwurst zu mir genommen. Fernsehen geht in meinem Zustand gar nicht. Wintersport ist nicht mein Ding, die Big-Brother-Container-Menschen schaffen sich ihre eigenen sinnlosen Probleme und man wünscht ihnen, das sich unter ihnen die Erde auftut und alles ist vorbei.

“Tina, bitte, sei so gut, schieb eine Columbo DVD ein. Es ist die einzige Krimiserie, wo man sich über einen schönen Mord freut.”

Und natürlich wird der Dienstag unterbrochen von den Rosenheim Cops. Die Aussicht auf den Frühling läßt ein wenig Stimmung aufkommen. Kurz nach 23 Uhr fallen mir regelmäßig die Augen zu, ich finde daran nichts mehr ungewöhnliches. Mein Doktor sagt, das ist durchaus normal und kein Grund zur Sorge. Er beruhigt mich. Ich darf Tina aber von der Bratwurst nichts sagen, das würde sie beunruhigen, denn sie behauptet, daß Schweinefleisch in meinem Fall nicht das richtige ist. Heute sind wir nach Oberhausen in die Neue Mitte, ins CentrO., ich mußte Tina zur Seite stehn beim Bildschirmkauf für ihren neuen Heim-PC. Morgen kaufen wir einen Drucker. Weil wir kein Auto haben, besorgen wir Teil für Teil.

Computer im Erdgeschoß

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