Zum Cameron Carpenter Konzert nach München

Horst am Steuer

Horst am Steuer

Der Horst Auwela besitzt ja einen Führerschein. Und da hat er sich einen Wagen gemietet und dann sind wir die 700 Kilometer bei widrigen Wetterverhältnissen zum Cameron Carpenter Konzert nach München gefahren. Dreimal sind wir von der Autobahn runter zu einem Espresso. Horst hatte einen Teller voller Frikadellen, eine Schüssel Kartoffelsalat bayrischer Art, Baguette und Oliven, eine Thermoskanne Salbeitee, Zitrone und Honig.  Ein richtiger Luxusschlitten mit allen Schikanen, mit Kassettenrekorder und Raketenantrieb. Wir waren extrem guter Laune und vollkommen ausgelassen. Chris Kurbjuhn hatte uns für die Tour mit Musik versorgt, Crosby Stills & Nash.

Als wir am Gasteig ankamen, waren wir besoffen vom Fahrtwind und aufgedreht von all den Mannequins, die sich zum Konzert eingefunden hatten. Das ist auch einer der Unterschiede, in Mülheim-Styrum ist da nicht so viel los. München ist eben die Hauptstadt der Bewegung. Und was für ein herzliches Hallo und Durcheinander, als wir Giovanni in Begleitung seiner Mitstreiter von der Tullus alpha 11 wiedertrafen. Sicherlich nicht zufällig, wir hatten uns verabredet. Und dann war es für mich eine wunderbare Begegnung, den Gründer der Stage-Box, Herrn Gran, kennenzulernen.

Ein Monstrum von Orgel inmitten der Philharmonie. Ich wünschte im Nachhinein, meine Frau wäre noch am Leben. Sie hätte ebenso die Welt nicht mehr verstanden, wie ich jetzt und nach Ende des Konzert eigentlich nicht beschreiben kann, was ich gefühlsmäßig durchgemacht habe. Herr Gran, dem ich für seine Worte danken möchte, befand etwas Übermenschliches, ja, er gebrauchte einmal das Wort, Wahnsinn. Und da muß ich ihm beipflichten. Was Cameron Carpenter sein Publikum bietet ist jenseits von Gut und Böse, ein Tanz mit den Beinen, den Händen und dem Herzen. Bach und Chopin, Leonard Cohen und da war auch etwas Trauriges darunter. Aber weil unsereiner sich durch die englische Sprache stolpert, hab ich mir gedacht, vergiß alles. Und manchmal mußte ich lachen, weil, weil da jemand von einem ganz anderen Stern zu kommen scheint, der mit Schwung sich von seiner Organistenbank erhebt und die Hände vors Gesicht faltet, sich verbeugt und lächelt. Und das Publikum klatscht und erhebt sich von den Sitzen. Und Cameron Carpenter, mit männlichem Schritt betritt er die Bühne, kommt und geht und bringt selbstverständlich noch drei Zugaben.  Und ich fühlte mich vollkommen stockbesoffen, weil…

Es tut sich was

Zeichnung Willi Heinz

Zeichnung Willi Heinz

Es tut sich was. Der Herr Nachbar kommt gerade die Treppe hoch und atmet schwer. Am Sonntagabend spendiert er seiner Frau eine Flasche Wein. Dann wird sie ruhiger und unterläßt die Angriffe gegen ihren Mann. Erst vor 15 Tagen hörte halb Mülheim-Styrum, wie er in verzweifelter Wut rief: “Ich bring dich um.” Ich verhielt mich ruhig. Am Abend dann erinnerte sie sich meiner Person und das ich ihren Streit, wobei Glas zerbrochen und ein Möbelstück umgestürzt sein mußte, das ich Zeuge dieser unwürdigen Szene geworden war. Und um mich einzuschüchtern, rief sie in den Hausflur beleidigende Worte in meine Richtung. Und beide sind schon sehr betagt. Einmal rief ich selbst die Ordnungshüter, weil keine Ruhe einkehrte.

Am Freitag war ich bein Rewe. Was man so braucht. An den Kassen hatten sich Schlangen gebildet. Ein Mann oder eine Frau, genau konnte ich das an diesem Faschingstag nicht ausmachen, verstaute seinen Großeinkauf, telefonierte in sein Handy, sprach gleichzeitg mit der Kassiererin und tippte seine PIN in dieses Kästchen zur Bezahlung. Und das natürlich alles in starker Erregung. Das ist der moderne Mensch.

Und obwohl ich als alternder Witwer weniger häufig noch sexuelle Nachmittage verbringe, so kommen sie durchaus noch vor. Ich mag Geschlechtsverkehr am Sonntagnachmittag. Ich fühle mich ausgeruhter und kräftiger. Vor 14 Tagen hatte ich so einen herrlichen Nachmittag. Also einen Tag nach dem großen Nachbarsstreit. Ich war nach dem Liebesakt in sehr guter Stimmung und erzählte kleinere wahre und halbwahre Geschichten, da klingelte das Telefon.

“Das Telefon klingelt.”

“Das war das Telefon?”

“Willst du nicht rangehen.”

“Später.”

“Aber es könnte etwas wichtiges sein.”

Ich setzte zu einer langen Erklärung an: ” Jo.”

Ich hab dann rausgekriegt, wer angerufen hat und worum es ging. Und es war nichts dramatisches. Und wenn, ich hätte auf die Schnelle nichts ausrichten können. Es gibt Situationen im Leben, da muß man nicht rangehen. Es sei denn…, aber das können Sie sich ja jetzt denken.

Ins Road-Stop nach Dortmund

Jonny Nederland, der Held traditioneller Küche. Kotelett und geschmorte Zwiebeln, Kartoffeln und Spinat mit Spiegelei. Gemüsebrühe inclusive Suppennudeln, Spaghetti mit Hackfleischsoße und geriebenem Parmesan. Alles kein Problem. Hab ich hundertmal zubereitet. Unschlagbar sind dagegen die Frikadellen, die Horst Auwela in seinem Hinterzimmer fürs Braustüberl ausbrät.

Jetzt das. Beim Metzger lag Entenbrust in der Auslage, Kilo für 21,90. Ente, dachte ich mir, warum nicht.

“Wie bereitet man die Brust zu?” fragte ich Frau Petra.

Mit dem scharfen Fleischermesser ritzte sie Rauten in den Speckmantel: “Kurz scharf in der Pfanne anbraten. Zuerst die Speckseite. Dann für 20 Minuten ins Rohr, ganz einfach.”

Ich überlegte und vertraute Frau Petras Worten und begutachtete und nahm ihre  zwei schönen Entenbrüste.

“Herr Nederland, und berichten sie, wie sie geworden sind.”

Das war dann natürlich Aufregung, als der Gasherd schließlich in Flammen aufging und sechs Löschzüge vor dem Haus standen. Und ich, Jonny Nederland, berichtete den Feuerwehrleuten von dem Versuch, eine Entebrust zubereiten zu wollen, endlich in den Olymp der Meisterköche aufzusteigen, und nun das. Mein Sauerstoffgehalt im Blut war okay, der Blutdruck auf 170. Geistesgegenwärtig hatte ich zwei Eimer Wasser in den Gasherd gekippt, als die Wohnung auch schon stockdunkel war. Von der Straße rief ein Paar zu meinem Balkon herauf, ob sie die Feuerwehr rufen sollten. Mir war das recht. Und gerettet hatte ich die Gitarre, wenn schon sonst nichts gerettet werden würde.

Entenbrust in zwanzig Sekunden durch

Der Horst Auwela und mein Enkel Achim haben mich dann aufgesucht und mir beim Saubermachen geholfen. Gottseidank war durch mein behendes Löschen ein großer Schaden verhindert worden.

“Komm, Opa Jonny, laß uns heute mal raus. Gehen wir auswärts etwas essen.”

“Ins Braustüberl? Frikadellen aus dem Horst seine Brutzelbude.”

“Na, wir fahren nach Dortmund, ins Road-Stop. American Currywurst mit Pommes.”

“Und dafür nach Dortmund?”

“Sicher, Opa, Hohensyburg.”

Ich muß sagen, jetzt wo Achim den Führerschein hat und in dringenden Fällen Vaters Fiat kutschiert, ist er bei seinen Kommilitoninnen im Ansehen ganz oben. Im Grunde ein Katzensprung von MH-Styrum zur Hohensyburg. Und Currywurst und Pommes ist unverdächtig. Der Horst Auwela ist auch mit. Er sitzt hinten im Wagen, ein Teller Frikadellen auf dem Schoß:

“Neue Geschäftsbeziehungen.”

A hard life in Mülheim-Styrum

Ich hätte nicht gedacht, daß ich nochmal so gut gelaunt zurückkomme.  Nach der Fußballweltmeisterschaft plagte mich unendlicher Muskelkater. Ich war schlichtweg high und hab dann, wie so viele geniale Fußballer, erst einmal den Erfolg in Bräustübl gefeiert und begossen. Mit dem Ergebnis, daß ich dann doch unter dem Tisch landete und neben Muskelkaterschmerzen in den Waden auch noch einen morgendlichen Brummschädel hatte, für den sich kein Kopfkissen finden ließ.

Da verging der Sommer durchwachsen, der Herbst und jetzo ist Winter. Ich hab mich zusammengerissen und fange wieder von Neuem an. Mich freut, daß die Tage wieder länger sind. Der Morgen beginnt früher, die abendliche Dunkelheit setzt später ein. Hier und da hört man schon Vögel zwitschern. Das macht im Leben viel aus. Ich denke, Sie sehen das genauso.

Machen wir uns nix vor

“Machen wir uns nix vor. Und kommen sie erstmal zur Ruhe,” ermahnte ich den Kundenberater von der Telefongesellschaft, der mir die neue Technologie modernen Fernsehens schmackhaft machen wollte.

“Filme ohne Werbung, übers Glasfasernetz. Was haben sie für einen Anschluß?”

“Kabelsalatfernseh aus der Steckdose.”

“Da sparen sie sich die Kosten fürs Kabel.”

“Die sind aber schon in der Miete enthalten.”

“Da kommen sie raus. Ich würde Ihnen gleich auch zu HDTV raten, zehn Euro mehr. Astreines Fernsehen, gestochenscharfe Bilder.”

“Auch bei Melissa – folge Deinem Herzen?”

“Alles. Auch Bundesliga total.”

“Hören sie”, denn in dem Moment hatte ich sogar ein wenig Gefallen an dem Gespräch gefunden, “ich bin ein ernsthafter Mensch und gucke nur sehr wenig fern.”

“Sehen sie, ich auch. Und das wird dann im Endeffekt noch weniger, weil ja die Werbung wegfällt.”

“Da haben sie durchaus recht. Und brauche ich da eventuell weitere Endgeräte.”

“Mit was für’n Router arbeiten sie denn? Najagut, die Eumex haut da nicht hin. Und dann brauchen sie noch einen Receiver, können sie kaufen oder mieten.”

“Im Moment betreibe ich eine sehr restriktive Haushaltspolitik. Darunter fällt auch die Herausforderung der Kostensenkung, ohne daß ich meine Frau gleich in die Wüste schicke, da sie doch die Anweisung erhalten hat, Brot vom Vortag einzuholen, weil ich schlecht zu Fuß bin.”

“Perfekt. Da sind noch Gutschriften drin für sie, sie haben 16 GigaByte Übertragungsrate, keine Werbung, höchste Qualität, exklusives Programm.”

“Ich gucke gern Harald Glööckler.”

“Kenne ich nicht, aber den kriegen wir schon her. Das glaube ich doch.”

“Wenn sie das nicht genau wissen, dann erkundigen sie sich erstmal, das ist mir wichtig. Ich ruf sie dann wieder zurück.”

“Am besten bis Ende Mai. Denn da winken noch allerhand Überraschungen.”

“Aber denken sie mir an den Glööckler!”

In der 4. Dimension – Archetyp – Der Gebeugte

Ich war in der historischen Dimension der Menschheitsgeschichte wirklich nur eine kurze Zeit außer Haus. Ein paar Tage, die ich nicht schreiben konnte oder wollte. Nach der Renovierung von Horst Auwelas Wohnung, habe ich meiner eigenen gleich auch einen neuen Anstrich verpaßt, da ich einmal in Schwung war. Dann aber ein Ereignis, das zu beschreiben meine Worte nicht ausreichen.

Der Flug in der hölzernen Rakete der Tullus alpha 11, Punkt. Was für ein Start, was für eine Landung, dazwischen, was für Flüge. Jeder Holzfachmann wird bestätigen, das der Naturrohstoff Holz arbeitet, ob als Fußboden, Schrank, Stuhl, Lesepult oder sonstiges Möbelstück. Holz benötigt Pflege, ein gewisses Maß an Feuchtigkeit und gelegentlich ein Staubtuch. Was sich aber im Innern einer hölzernen Rakete abspielt, dieses Knirschen und Knarzen während des Fluges, das Reißen und Ruckeln bei Start und Landung - mir standen die Haare anfänglich zu Berge und die Angst im Nacken. Aber die Crew um Giovanni Impermeabile, sie will ich hier erwähnen und weithin in Tönen loben.

Giovanni ist ein Mann der vierten Dimension, der Archetyp des Gebeugten. Mehr aber will ich über diesen ungewöhnlichen Abenteurer nicht ausplaudern, denn nicht ohne Grund hatte er sich der Öffentlichkeit entzogen. Und so wie mich Giovanni in seinen Bann zog, so auch die Mitglieder der Bewegung der Silberspitze, der Damenchor Dicke Decke für eiskalte Damenfüße und die bezaubernde Schöner-Fuß, die mein altes Herz in schöne Aufregung versetzte, so daß ich mit dem Kopf gegen einen Türstock lief. Den Mitarbeiterinnen vom Santorini-Grill blieb die Luft weg, als wir die Eppenhauser Straße hoch sind und vor ihrem Lokal aus der Rakete stiegen. Aber jetzt ist es spät geworden. Doch eins kann ich sagen, mein Leben hat sich verändert.

Die 4. Dimension

Mein Schneckchen Emma



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